Use Case
Ein qualifiziertes Arbeitszeugnis muss wohlwollend und wahr zugleich sein — und bedient sich dafür einer eigenen Codesprache, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit Jahrzehnten etabliert ist. KI hilft Ihnen beim Strukturentwurf und bei der konsistenten Verwendung dieser Codes, ersetzt aber weder die fachliche Prüfung noch im Streitfall die anwaltliche Abnahme.
Für wen ist dieser Use Case geeignet?
Dieser Use Case eignet sich für HR-Verantwortliche, Personalleitungen, Führungskräfte und Inhaber kleiner und mittlerer Unternehmen, die Arbeitszeugnisse selbst entwerfen — sei es als qualifiziertes Zwischenzeugnis, als Endzeugnis nach Kündigung oder als einfaches Zeugnis. Auch in Personalabteilungen, in denen Zeugnisse von Linien-Führungskräften vorbereitet werden, lohnt sich der Use Case.
Besonders sinnvoll ist der Einsatz, wenn Sie nicht täglich Zeugnisse schreiben und deshalb mit der DACH-Codesprache nicht durchgängig vertraut sind. KI sorgt dafür, dass die Notenstufe, die Sie meinen, auch tatsächlich in der etablierten Formulierung ankommt — statt versehentlich eine Note schlechter oder besser als beabsichtigt zu vergeben.
Ausgangsproblem
Arbeitszeugnisse stehen in DACH unter einer doppelten Pflicht: sie müssen wohlwollend formuliert sein (damit sie das berufliche Fortkommen nicht behindern) und gleichzeitig wahr (damit ein neuer Arbeitgeber sich darauf verlassen kann). Aus diesem Spannungsverhältnis ist eine Codesprache entstanden, in der scheinbar freundliche Formulierungen wie „stets zu unserer vollen Zufriedenheit“ eine klare Note bedeuten — in diesem Fall die 2 (gut). Wer die Codes nicht kennt, schreibt unbeabsichtigt zu gut oder zu schlecht.
Hinzu kommt: Zeugnistexte sind in Aufbau und Reihenfolge weitgehend standardisiert. Wer alle Bestandteile (Einleitung, Tätigkeitsbeschreibung, Leistungsbeurteilung, Verhaltensbeurteilung, Schlussformel) manuell zusammenstellen muss, verliert Zeit für die eigentlich wichtige Frage: Welche Bewertung ist sachlich gerechtfertigt? Ein KI-gestützter Entwurf nimmt Ihnen die Formulierungs- und Strukturarbeit ab, sodass Sie sich auf die Bewertung selbst konzentrieren können.
Schritt-für-Schritt-Anleitung
Schritt 1: Sachverhalt strukturiert zusammentragen
Bevor Sie die KI einschalten, halten Sie die nüchternen Eckdaten fest:
- Vor- und Nachname, Geburtsdatum (sofern in Ihrem Zeugnisstandard üblich)
- Eintritts- und Austrittsdatum (bei Endzeugnis) bzw. Zeitraum (bei Zwischenzeugnis)
- Position, Hierarchieebene, Berichtslinie
- Kernaufgaben (5 bis 10 Punkte, möglichst konkret)
- Besondere Projekte, Verantwortungsbereiche, Personalverantwortung
- Gewünschte Notenstufe für Leistung (1 bis 5)
- Gewünschte Notenstufe für Verhalten (1 bis 5)
- Grund des Ausscheidens — relevant für die Schlussformel
Schritt 2: DACH-Codesprache als Anker mitgeben
Damit die KI die gewünschte Note konsistent trifft, geben Sie die etablierten Codes für die Leistungsbeurteilung explizit mit. Diese Codes sind seit Jahrzehnten Rechtsprechung in Deutschland, gelten weitgehend analog in Österreich, sind in der Schweiz weniger formal geregelt, aber in der Praxis ebenfalls verbreitet:
- Note 1 (sehr gut): „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“
- Note 2 (gut): „stets zu unserer vollen Zufriedenheit“
- Note 3 (befriedigend): „zu unserer vollen Zufriedenheit“
- Note 4 (ausreichend): „zu unserer Zufriedenheit“
- Note 5 (mangelhaft): „im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit“
- Verhalten Note 1: „stets vorbildlich“ — gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und (sofern vorhanden) Mitarbeitenden und Kunden
- Verhalten Note 2: „vorbildlich“ oder „stets einwandfrei“
Schritt 3: Entwurf mit KI generieren
Übergeben Sie der KI die Eckdaten, die gewünschten Noten und die Code-Hinweise. Bitten Sie um einen vollständigen Entwurf mit den üblichen Bestandteilen: Überschrift, Einleitung mit Personalien und Tätigkeitsbeschreibung, Leistungsbeurteilung (Arbeitsweise, Fachkenntnisse, Erfolge), Verhaltensbeurteilung und Schlussformel.
Wichtig: Bitten Sie die KI ausdrücklich, die Reihenfolge der gewerteten Personengruppen (Vorgesetzte, Kollegen, Mitarbeitende, Kunden) korrekt anzulegen, denn auch hier gibt es eine etablierte Rechtsprechung — etwa, dass die Reihenfolge bewusste Aussagekraft hat und die Auslassung einer Gruppe (z. B. Mitarbeitende bei einer Führungskraft) eine schlechte Note signalisiert.
Schritt 4: Codes und Konsistenz prüfen
Lesen Sie den Entwurf durch und prüfen Sie kritisch:
- Trifft die verwendete Zufriedenheits-Formulierung genau die gewünschte Note?
- Ist die Reihenfolge der bewerteten Personengruppen vollständig?
- Fehlen wichtige Aufgaben oder werden überflüssige Details aufgeführt?
- Sind verklausulierte Negativ-Codes („bemühte sich“ = unzureichend, „lernte schnell“ = wenig Erfahrung) versehentlich enthalten?
- Ist die Schlussformel zum Grund des Ausscheidens stimmig (Bedauern, Dank, Zukunftswünsche)?
Schritt 5: Wohlwollen und Wahrheit gegeneinander abgleichen
Ein gutes Zeugnis hält die Balance: es darf nicht beschönigen, aber auch nicht beschädigen. Lesen Sie den Entwurf mit der Frage: Würde der Beschriebene das so unterschreiben? Würde ein neuer Arbeitgeber daraus ein zutreffendes Bild gewinnen? Wenn beides ja, ist die Balance gehalten.
Schritt 6: Bei Streitfällen anwaltliche Prüfung
Wenn das Zeugnis Teil einer streitigen Trennung ist (Aufhebungsvertrag mit Zeugnisformulierung, Kündigungsschutzklage, Zeugnis-Berichtigungsklage), ziehen Sie spätestens vor der Unterschrift eine Fachanwältin oder einen Fachanwalt für Arbeitsrecht hinzu. Die KI kann gute Entwürfe liefern, ersetzt aber keine arbeitsrechtliche Einzelfallbewertung — gerade dann nicht, wenn die Formulierungen Gegenstand späterer Verhandlungen werden.
Schritt 7: Personenbezogene Daten erst nach Tool-Freigabe einsetzen
Beachten Sie: Vor- und Nachname, Geburtsdatum, Position und Beschäftigungszeitraum sind personenbezogene Daten. Geben Sie diese nur in KI-Tools ein, die im Unternehmen freigegeben sind. Für offene KI-Tools (Privat-Account ChatGPT etc.) verwenden Sie Platzhalter („Frau X, geboren am 01.01.1980″) und setzen die echten Daten erst im finalen Word-Dokument ein.
Beispielprompt
Ich möchte ein qualifiziertes Arbeitszeugnis entwerfen. Bitte erstelle einen vollständigen Entwurf nach DACH-Standard.
Eckdaten:
- Person: [Frau/Herr X, geboren am TT.MM.JJJJ — oder Platzhalter]
- Eintritt: [TT.MM.JJJJ]
- Austritt: [TT.MM.JJJJ — bei Zwischenzeugnis: „bis heute"]
- Position: [genaue Funktionsbezeichnung]
- Berichtslinie: [an wen berichtet, ggf. Personalverantwortung für X Personen]
- Kernaufgaben: [5 bis 10 Punkte stichwortartig]
- Besondere Projekte/Verantwortung: [optional]
- Gewünschte Leistungsnote: [1 = sehr gut, 2 = gut, 3 = befriedigend, 4 = ausreichend, 5 = mangelhaft]
- Gewünschte Verhaltensnote: [1 bis 5]
- Grund des Ausscheidens: [eigene Kündigung / einvernehmlich / Aufhebungsvertrag / arbeitgeberseitig — beeinflusst die Schlussformel]
Verwende die etablierten DACH-Codes für Leistung:
- Note 1: „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit"
- Note 2: „stets zu unserer vollen Zufriedenheit"
- Note 3: „zu unserer vollen Zufriedenheit"
- Note 4: „zu unserer Zufriedenheit"
- Note 5: „im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit"
Aufgabe:
1. Entwirf das Zeugnis mit den Bestandteilen: Überschrift, Einleitung mit Personalien und Tätigkeitsbeschreibung, Leistungsbeurteilung (Arbeitsweise, Fachkenntnisse, Erfolge), Verhaltensbeurteilung, Schlussformel.
2. Verwende die Code-Formulierung für die angegebene Notenstufe konsistent — nicht abgeschwächt, nicht verschärft.
3. Liste die bewerteten Personengruppen in der etablierten Reihenfolge: Vorgesetzte, Kollegen, Mitarbeitende (sofern Führungskraft), Kunden (sofern Kundenkontakt).
4. Vermeide verklausulierte Negativ-Codes („bemühte sich", „lernte schnell", „war ihr/ihm sehr wichtig"), es sei denn, sie sind in dieser Note explizit gewollt.
5. Passe die Schlussformel zum genannten Austrittsgrund an.
Wichtig:
- Erfinde keine Projekte, Erfolge oder Zahlen, die nicht in den Eckdaten stehen.
- Wenn Eckdaten unklar sind, frage gezielt nach, statt zu raten.
- Gib den Entwurf so, dass ich ihn in ein Word-Dokument übernehmen und die Personalien als finalen Schritt einsetzen kann.
Qualitätscheck
Bevor das Zeugnis unterschrieben wird, gehen Sie diese Checkliste durch:
- Trifft die verwendete Zufriedenheits-Formulierung genau die beabsichtigte Note?
- Ist die Reihenfolge der bewerteten Personengruppen vollständig und korrekt?
- Stehen keine versehentlichen Negativ-Codes („bemühte sich“, „lernte schnell“) im Text?
- Sind alle Eckdaten (Name, Daten, Position, Aufgaben) korrekt aus Ihren Notizen übernommen?
- Passt die Schlussformel (Bedauern, Dank, Zukunftswünsche) zum Grund des Ausscheidens?
- Ist das Zeugnis sowohl wohlwollend als auch wahr — würde es einer gerichtlichen Prüfung standhalten?
- Wurden personenbezogene Daten nur in freigegebenen Tools verarbeitet?
Ein guter Test: Lassen Sie eine zweite, im Arbeitsrecht erfahrene Person das Zeugnis quergegenlesen, bevor Sie es unterschreiben. Bei streitigen Trennungen oder hochrangigen Positionen ist eine fachanwaltliche Prüfung Pflicht — KI ist hier Entwurfshilfe, nicht Rechtsberatung.
Risiken und Grenzen
KI kann die DACH-Codesprache zwar anwenden, kennt aber nicht jede regionale oder branchenspezifische Feinheit der aktuellen Rechtsprechung. Insbesondere Grenzbereiche zwischen den Notenstufen, das genaue Gewicht ausgelassener Personengruppen und die Interpretation von Schlussformeln entwickeln sich durch neue Urteile weiter. Wer sich blind auf den KI-Entwurf verlässt, riskiert Formulierungen, die vor zehn Jahren akzeptabel waren, heute aber nicht mehr.
KI neigt dazu, Texte freundlich klingen zu lassen. Wenn Sie eine Note 3 oder 4 vergeben wollen, kann es passieren, dass der Entwurf insgesamt freundlicher wirkt, als die Note hergibt — und damit eine versteckte Note 2 entsteht. Prüfen Sie deshalb nicht nur die Hauptformel, sondern auch die umliegenden Adjektive, Adverbien und Beispielsätze.
Bei streitigen Trennungen sind Zeugnisformulierungen oft Verhandlungsgegenstand. Ein KI-Entwurf, der ohne anwaltliche Prüfung in einen Aufhebungsvertrag wandert, kann später als nachteilig erkannt werden, ohne dass eine Berichtigung leicht durchsetzbar wäre.
Datenschutzhinweis
Arbeitszeugnisse enthalten umfangreiche personenbezogene Daten: Name, Geburtsdatum, Beschäftigungszeitraum, Position, Leistungsbewertung. Solche Daten dürfen Sie nur in KI-Tools eingeben, die im Unternehmen ausdrücklich für die Verarbeitung von Personaldaten freigegeben sind (typischerweise Enterprise-Tarife mit entsprechendem Auftragsverarbeitungsvertrag).
In offenen, frei zugänglichen KI-Tools arbeiten Sie ausschließlich mit Platzhaltern. Konkret: Verwenden Sie für den KI-Entwurf „Frau X“ oder „Herr Y“, fiktive Datumsangaben und eine generische Beschreibung der Aufgabenbereiche. Den Klarnamen, das tatsächliche Geburtsdatum und die echten Daten setzen Sie erst im finalen Word- oder PDF-Dokument außerhalb des Tools ein.
Wenn Ihr Unternehmen ein dediziertes HR-Tool oder Microsoft Copilot mit Enterprise-Lizenz nutzt, prüfen Sie die interne Tool-Liste, bevor Sie personenbezogene Inhalte eingeben — die Freigabe ist nicht für alle Tools im Hause gleich.
Passende Tools
- ChatGPT: gut für vollständige Zeugnisentwürfe mit konsistenter Codesprache — personenbezogene Daten nur in Enterprise-Tarif eingeben, sonst mit Platzhaltern arbeiten
- Claude: differenzierter bei Grenzfällen zwischen Notenstufen und Schlussformel-Nuancen — gut für sensible Trennungssituationen
- Microsoft Copilot: praktisch, wenn das Zeugnis direkt in Word entworfen wird und Ihr Unternehmen die Enterprise-Freigabe für HR-Daten erteilt hat
- DeepL Write: spezialisiert auf deutschsprachige Stilanpassung — gut für die Endpolitur, weniger für den Strukturentwurf
Passende Glossarbegriffe
- Textgenerierung
- Datenschutz bei KI
- Personenbezogene Daten
- KI-Ergebnis prüfen
- DSGVO und KI
- Anonymisierung
Passende Kurse
- Sicher starten mit KI
- KI im Arbeitsalltag anwenden
- Berichte und lange Dokumente mit KI strukturieren und schreiben
